Willkommen im Agnesviertel

Initiative für Geflüchtete im Kölner Stadtteil Agnesviertel

Vom Zaun gebrochen

Ein Spaziergang um die Oberfinanzdirektion

cremefarbenes, dreistöckiges, altes Gebäude mit turmartig abgerundeter Ecke; davor ein Haltestellenschild, ein Treppenabgang und eine Bushaltstelle. Im Hintergrund ein funktionales Hochhaus.
Ehe­ma­lige Ober­fi­nanzdi­rek­tion, vom Reichensperg­er­platz aus gese­hen

“500 Meter langer Riesen-Zaun spal­tet das Veedel”, titelte der Köl­ner Express am 15. April 2026. Auch der Köl­ner Stadt-Anzeiger berichtete über eine Auss­chrei­bung der Bezirk­sregierung Köln, in der ein Unternehmen gesucht wurde, das den pro­vi­sorischen Bauza­un um die kün­ftige Erstauf­nah­meein­rich­tung (EAE) an der Riehler Straße durch einen beständi­gen Stahlgit­ter­mat­ten­za­un ent­lang der Grund­stücks­gren­ze erset­zt. Begin­nen sollen die Arbeit­en am 15. Mai; bis Ende Juni sollen sie abgeschlossen sein.

Kurt Metel­mann, Vor­sitzen­der der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Neustadt-Nord/Villen-Vier­tel, betra­chtet den Zaun laut Presse als “Fremd­kör­p­er im Vier­tel”, der “nicht die Wohn­lichkeit in der Umge­bung” fördere und eine “Abkapselung des Gebäudes” bewirken werde. Er erwäge juris­tis­che Maß­nah­men sowohl gegen die Absper­rung als auch gegen die Umbau­pläne.

“Willkom­men im Agnesvier­tel” ist ange­treten, um die Entste­hung und den Betrieb der EAE sach­lich zu begleit­en und ihren Bewohner*innen wohlwol­lend zu begeg­nen. Zu dieser Sach­lichkeit gehört, dass wir die Ein­schätzun­gen von Metel­mann bei einem Spazier­gang in der Umge­bung über­prüft haben — mit Kam­era und Zoll­stock.

Stahlgit­ter­mat­ten­za­un in der Wörth­straße

Wie ein Stahlgit­ter­mat­ten­za­un aussieht, lässt sich schräg gegenüber der kün­fti­gen EAE studieren. Nur die an Gefäng­nisse oder Mil­itäran­la­gen erin­nernde Schräge am oberen Rand, die das Über­steigen erschw­eren soll, wird beim neuen Zaun fehlen: Dieser wird gemäß Auss­chrei­bung ger­ade und über­wiegend bis zu 2,0 Meter, an anderen Stellen 1,70 Meter hoch wer­den.

Knapp 2 Meter hoher Zaun vor einem Wohnge­bäude in der Nach­barschaft

Diese Höhen sind für die Umge­bung keineswegs untyp­isch, wie etwa ein Bild aus der unmit­tel­baren Nach­barschaft der Liegen­schaft zeigt: Der Zaun ist 185 bis 190 Zen­time­ter hoch.

Gut 2,20 Meter hoher Zaun in Sichtweite zur Liegen­schaft

An ein­er anderen Stelle ist dieser Zaun etwa 220 Zen­time­ter hoch. (Im Hin­ter­grund sieht man das Hochhaus auf dem Gelände der ehe­ma­li­gen Ober­fi­nanzdi­rek­tion.)

Auch das Gerichts­ge­bäude am Reichensperg­er­platz ist von der Weißen­burgstraße durch einen soli­den, etwa 170 Zen­time­ter hohen Zaun abge­tren­nt. Zäune der geplanten Höhe sind also keine Rar­itäten im Vier­tel, Mauern und blick­dichte, mannshohe Heck­en eben­falls nicht. So viel zu den The­men Fremd­kör­p­er, Unwohn­lichkeit und Abkapselung.

Wen­den wir uns der Platzierung des neuen Zauns zu. Im Großen und Ganzen fol­gt er der Grund­stücks­gren­ze und hat einen ähn­lichen Ver­lauf wie der pro­vi­sorische Bauza­un, der hier schon seit ger­aumer Zeit ste­ht. Es gibt aber einige Abwe­ichun­gen:

Auss­chnitt des Bau­plans für den neuen Zaun, Ecke Wörthstraße/Riehler Straße

Während der Bauza­un auch den hal­brun­den Turm an der Ecke Wörthstraße/Riehler Straße umfasst, soll dieser Bere­ich in Zukun­ft aus­ges­part wer­den. Gemäß Bau­plan fasst der neue Zaun (rote Lin­ie) lediglich die Beete links und rechts der Straße­necke ein: eine Verbesserung gegenüber dem Sta­tus quo.

Bauza­un vor dem ver­schlosse­nen Hauptein­gang der ehe­ma­li­gen Ober­fi­nanzdi­rek­tion

Auch der Hauptein­gang, gegenüber der Katholis­chen Hochschule an der Wörth­straße gele­gen, ist bish­er nicht nur ver­schlossen wie die Erdgeschoss-Fen­ster, son­dern auch durch den zwei Meter hohen Bauza­un von der Straße getren­nt. Der neue Zaun wird dage­gen links und rechts des Ein­gangs an der Beete­in­fas­sung enden.

Auss­chnitt des Bau­plans mit Neben­zu­gangs-Tor­durch­fahrt und weit­erem Tor an der Riehler Straße

An der Riehler Straße soll der Zaun zunächst der Beete­in­fas­sung hin­ter dem U‑Bahn-Abgang und der Bushal­testelle fol­gen. Der Gehweg wird also gegenüber dem Sta­tus quo nicht eingeengt.

Bauza­un zwis­chen Beet und Bushal­testelle. Die Per­so­n­en im Hin­ter­grund zeigen, dass auch Men­schen mit Kinder­wa­gen o. ä. hier gut passieren kön­nen.

Dann kommt eine Lücke an der Tor­durch­fahrt, die bis­lang vom Bauza­un versper­rt war:

Die Tor­durch­fahrt, die in Zukun­ft wieder genutzt wer­den soll

Anschließend weicht der neue Zaun­ver­lauf deut­lich vom Bauza­un-Pro­vi­so­ri­um ab:

Bis­lang kon­nten an der Riehler Straße etwa 15 Autos auf dem Grund­stück der Bezirk­sregierung parken.

Diese Park­plätze liegen auf dem Grund­stück, wer­den also durch den neuen Zaun ent­fall­en. In Zukun­ft kann man sein Auto hier nicht mehr kosten­los auf frem­dem Grund abstellen.

Bau­plan-Detail mit der Spitze des “Torten­stücks” hin­ter dem Hochhaus

Auch an der Spitze des grob torten­stück­för­mi­gen Gelän­des gibt es eine Verän­derung: Die kleine Grün­fläche wird vom neuen Zaun umschlossen sein, denn sie gehört zum Grund­stück. In den let­zten Jahren hat sich hier ein Tram­pelp­fad gebildet, über den Fußgänger den Weg zwis­chen Riehler und Clever Straße abkürzen kon­nten. Lei­der ist der kleine Park auch häu­fig ver­dreckt, nicht zulet­zt, da er durch das Gebüsch von außen kaum ein­se­hbar ist.

Nicht vom Bauza­un einge­fasste Grün­fläche mit Tram­pelp­fad

Biegen wir nun in die Clever Straße ein, so bietet sich hin­ter dem Hochhaus (das nicht Bestandteil der EAE wer­den, son­dern lediglich einen Teil der tech­nis­chen Infra­struk­tur beherber­gen soll) ein ähn­lich­es Bild wie an der Riehler Straße: Hier parken etliche Autos auf dem Gelände der Bezirk­sregierung.

Kan­ti­nen-Anbau auf Stelzen, darunter und dahin­ter park­ende Autos

Der kün­ftige Zaun wird dieser langjähri­gen Prax­is ein Ende bere­it­en, denn auch hier ver­läuft er an der Grund­stücks­gren­ze:

Zaun­ver­lauf (rote Lin­ie) an der Clever Straße. Die frei zugänglichen Park­plätze unter und neben dem Kan­ti­nenge­bäude ent­fall­en.

Der Spazier­gang um die kün­ftige EAE hat also gezeigt:

  • Zäune in der geplanten Höhe sind im Vier­tel üblich.
  • Der neue Zaun wird gegenüber dem alten Bauza­un eine optis­che Verbesserung darstellen und das Gebäude an mehreren Stellen zugänglich­er machen.
  • Er wird jedoch an zwei Stellen der langjähri­gen Prax­is des kosten­losen Parkens auf dem Grund­stück ein Ende bere­it­en.

Das ist das gute Recht der Eigen­tümerin, die ihr Grund­stück nun wieder selb­st benötigt, um darauf eine Unterkun­ft für geflüchtete Men­schen zu betreiben. Ein Grund, deswe­gen einen Rechtsstre­it vom Zaun zu brechen, ist nicht zu erken­nen.

Um Frik­tio­nen inner­halb des Veedels und zwis­chen der Unterkun­ft und dem Umfeld zu ver­mei­den, wäre der Bezirk­sregierung allerd­ings mehr Kom­mu­nika­tion anzu­rat­en: Es ist nie gut, wenn die Men­schen vor Ort erst aus der Presse von unmit­tel­bar bevorste­hen­den Verän­derun­gen erfahren, die sich auf ihren All­t­ag auswirken kön­nen.